Nochmal 20 sein? – Gott bewahre!

Jedes Lebensjahrzehnt hat seinen Reiz. Wer mit 20 den Geist eines 40-jährigen hat, verpasst das Beste.

„Man müsste nochmal 20 sein, aber mit dem Wissen und dem Geist von heute…“ Über diesen Satz habe ich neulich nachgedacht und sofort schoss mir ein: „Gott bewahre“ in den Kopf.
Alles nochmal von vorn? Nein Danke!

Ich hatte eine wirklich schöne Kindheit, Jugend, bin sehr zufrieden mit den letzten Lebensjahrzehnten: Glück, Trauer, Leid, Bereuen, Zufriedenheit, Verdruss, Genuss, das ganze Füllhorn war dabei.

Das Jahrzehnt der 20er verbinde ich aber vor allem mit immer noch enormer Unsicherheit, der Ausbildung der Persönlichkeit mit allen Höhen und Tiefen, die das und das Herumprobieren mit sich bringen.

Wer mit 20 ein geistiger Mittvierziger ist, wird eine Menge verpassen. Die 20er brauchen eine gehörige Portion Naivität, um sich hervorzuwagen und die vielen schönen, unschönen und lächerlichen Erfahrungen zu machen.

Es sind diese Erfahrungen, die mich zur mutigen, selbstbewussten Frau in den 30ern machten. Ich habe mich herausgewagt in die weite Welt und es war mir egal, was andere davon halten. Ich habe gelernt, sehr gut ganz mit mir selbst zurechtzukommen. Das Alleinsein zu genießen, aber auch die Sehnsucht nach den Liebsten zuzulassen und Zweisamkeit herbeizusehnen. Ich danke dem heranwachsenden unsicheren 20er-Mäuschen dafür. 

Jetzt, in den 40ern freue ich mich über die kleinen Schrullen, die bei meinen Freunden und mir einsetzen. Eine Freundin gärtnert plötzlich. Ich füttere Vögel, freue mich über gutes Essen. Frage mich manchmal, ob ich ein alter Sack bin. Ist dies manchmal auch das Jahrzehnt der Selbstgerechtigkeit? Und wenn ja?

Dies beruhigt mich:

Sobald etwas Neues, noch nie Erfahrenes um die Ecke wartet, packt es mich. Ausprobieren, erfahren, sich freuen! Und wenn es nicht schön war, abhaken, weitermachen. Ich bin gespannt auf die kommenden Lebensjahre.